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Farbenhören und Farbenmusik

Farbenhören und Farbenmusik bezeichnen sozusagen die zwei Seiten der musikalischen Synästhesien. Das farbige Hören bezieht sich dabei auf die Seite des Hörens und des Hörenden, welcher beispielsweise eine bestimmte Melodie innerlich und persönlich als farbig erlebt.

Farbenmusik werden hingegen verschiedenste künstlerische Projekte genannt, welche nach systematischen oder intuitiven Kriterien Musik und Bild oder Töne und Farben im künstlerischen Sinne kombinieren. Dazu gehört die Farbmusik von A. Lászlò oder die Farbe-Ton-Forschung nach G. Anschütz.

Für einige Künstler wie den Komponisten M. Torke sind Farbenhören und Farbenmusik direkt verbunden. Auff der Grundlage seines farbigen Hörens komponiert er seine Farbenmusik, wie z.B. Bright Blue Music oder Ecstatic Orange.

Farblichtmusik

Alexander Lászlò: Die Farblichtmusik

Sein Buch zur Farblichtmusik wurde 1925 bei Breitkopf & Härtel in Leipzig veröffentlicht und später auch übersetzt. 

In einem Vortrag berichtete er, dass er seit seiner Kindheit beim Klavierspiel innerlich Farben erlebt. „Er hatte sich während seines Klavierspiels Bilder vorgestellt und wollte nun das Publikum an diesen Assoziationen teilhaben lassen.“

Ob es sich bei seinen Farbeindrücken zur Musik um Synästhesien oder um erlernte Assoziationen handelte, welche sich durch Übung und Aufmerksamkeit verstärkten, ist heute nicht mehr zu klären. Er selbst unterschied in einem Vortrag zwischen "absolutem und relativem Farbenhören" und betonte, dass sich das Farbenhören durch gezielte Übungen verstärken ließe.

Seine farblichtmusikalischen Konzerte waren damals ein Publikumsmagnet, obwohl ihm später vorgeworfen wurde, die Farbzuordnungen zur Musik seien völlig beliebig. 

Ganz im Sinne der Zeit, durch neue Kunstformen zu einer neuen Synthese des Geistes zu gelangen, schreibt Lászlò 

„die Farblichtmusik sucht zwei bisher getrennte Kunstgattungen … zu einer höheren Einheit, zu einer neuen Kunst zu verschmelzen“. 

»Die einzelnen Hauptdreiklänge der ... Tonarten empfinde ich auf dem Klavier in folgenden Farben:«

Lászlò, Farblichtmusik, 1925
C-dur
As-dur
Cis-Dur
a-moll
e-moll
ais-moll

Multimediale Synästhesien?

Alexander Skrjabin: Synästhesien im Gesamtkunstwerk?

Im Interview mit dem Psychologen Myers spricht Skrjabin von einem „Gefühl der Farbe“, das er zur Musik empfindet.

Wie auch bei Kandinsky verbinden sich für ihn eigene Empfindungen und das Streben nach gesamtkünstlerischem Ausdruck. 

Beide beschäftigten sich mit kosmologischen Weltbildern und theosophischem Gedankengut. Außerdem ist er geprägt vom "gesamtkünstlerischen" Ritual der russisch- orthodoxen Kirche und mag Wagners Ideen. Und beide suchten sie nach der Einheit der Sinne und Künste.

In seinem Orchesterwerk "Prometheus" ist eine Lichtstimme zugefügt. Die in der Lichtstimme verwendeten Farben haben symbolische Bedeutung, die aber bisher nur teilweise entschlüsselt wurde.

Die Farben stehen für Ausdrucksgehalte; so vertritt ein intensives Rot den Willen. Die Farben der Lichtstimme sollen den Ausdruck und die Wirkung der Musik steigern und zu einem ekstatischen Erleben führen. Seh- und Höreindruck entwickeln sich parallel.

Vielleicht wollte er die "Audition Coloreé" vor Augen führen, aber mit Synästhesie haben diese Auführungen nichts zu tun, da auch die sekundäre Sinnesmodalität, die Farbe, physikalisch präsent ist. Für den Rezipienten ist ein differenziertes und sensibles Wahrnehmungsvermögen nötig, um seine Kunst aufzunehmen.

Quintenzirkel Farben zu Tonarten spektral zugeordnet

Farbkreis nach Skrjabin
Farbkreis nach Skrjiabin

Farbige Tonarten und Colour Pieces

Der Komponist M. Torke ist nach eigenen Aussagen Farbe-Ton-Synästhetiker seit seiner Kindheit. Besonders deutlich erlebt er die Farben der Tonarten, welche für ihn den Charakter der Tonarten wiederspiegeln. Töne bzw. Tonarten haben Farben, z.B. D-Dur ist optimistisch, blau (siehe das Orchesterwerk Bright blue music). Es handelt sich um eine Art persönliche Tonartencharakteristik

Er empfindet die Tonarten als eine Art farbige Räume. Dieses Erleben nahm er als Ausgangspunkt seiner Kompositionen der Farbenmusik. Charakter bzw. Farbe der Tonart ist Thema der Farben-Musik. Die verschiedenen Teile der Stücke tragen Farbnamen. So heißt ein Stück Ecstatic Orange und seine Teile "karottenfarben", "apricot" oder "absinth".

Kompositionsweise: Musikalische Merkmale und Formen der "colour music" sind Tonalität, einfache Melodien und markante Rhythmen. Es handelt sich um monothematische Werke: die Farben werden regelrecht vertont. Es gibt wenig motivisches Material, denn zentral ist die Farbe einer Tonart, eine Harmonie. Es gibt viele einprägsame rhythmisch motivische Momente, welche leicht variieren. Die Entwicklung ist spürbar. Die Einfachheit will den Hörer direkt ansprechen.

Michel Torke  bezeichnet seine Synästhesien als Teil des eigenen, kreativen Prozesses. Die Synästhesien sind für ihn ein integraler Bestandteil der Musik und erzeugen für ihn Bedeutungsebenen eigener Art: so empfindet er  - neben den Farben - die visuellen oder taktilen Qualitäten der Musik als ein lebendiges Dazuerleben.

Was aber verbinden andere mit diesen Farbnamen der Musik? Hören sie die Musik anders oder finden sie die Vorstellung von farbiger Musik interessant? Die Farben, welche die Musik für den Komponisten evoziert, hat er in der Partitur mit angegeben,  damit die anderen (Musiker, Dirigenten und Zuhörer) diese Titel kennen. Das Ziel der Musik ist jedoch emotionelle Wahrhaftigkeit, nicht Farbdarstellung. Auch wenn Torke bemerke, dass er implizit doch davon ausgeht, dass jeder Farben zu Musik erlebt, da er sich als Synästhetiker nichts anderes vorstellen kann.

Wenn man komponiert, fängt man an, indem man einen Raum schafft. (...) Als ich jedoch Farbmusik komponierte, fragte ich mich, was wohl geschehen würde, wenn ich in demselben Raum blieb und ihn nicht verließ.

M. Torke in Duffy 2003

Olivier Messiaen: Die Farbe als Symbol der Gottheit

Olivier Messiaen sagte, dass er beim Musikhören Farben sieht. Es handele sich jedoch um „kein unwillkürliches, physiologisches Farbenhören (Synopsie), sondern ... intellektuelle, kognitive Bildung intermodaler Analogien“. Er selbst bezeichnete sich nicht als Synästhetiker, grenzt sich bewußt ab von der Synopsie, die er als Krankheit sieht und die z.B. der Maler Blanc-Gatti habe. Für Messiaen haben Klänge tagesabhängig Farbe, wurde berichtet.

Es gibt wohl aber auch bleibende Farbeneindrücke, die er für seine Kompositionen nutzt. So erlebt er die gesamte Ganztonleiter als grau, was für charakterlos steht. Die Modi als charakteristisch ausgewählte Teile des Ganzen haben jedch subjektive Farben. Auch die Akkorde und Skalen haben Farben, aber nicht die Einzeltöne (Sept Haikai). Diese Modi mit begrenzten Transpositionsmöglichkeiten, seine musikalische Sprache, erscheinen auch je nach Transposition in anderen, eindeutigen Farbwerten.

Diese Farben beziehen sich nicht auf die Klangfarbe, Instrumentation, sondern auf Gestaltqualitäten der Musik. Durch sie werden Melodiefolgen, Rhythmus, Tonstärken, Tondauern, Raum farblich näher charakterisiert. Durch eine Oktavierung ändert sich die Helligkeit (da sich entsprechend der Gestaltgesetze eine Ähnlichkeit in der Wahrnehmung ergibt); eine Transposition ändert die Farbe (da sich hierdurch der Charakter verändert).

Er verbindet ein absolutes Gehör mit synästhetischer Neigung; empfindet synästhetische Assoziationen bei Veränderung durch die Transposition - Couleurs de la Cite Celeste; Es verbinden sich für ihn auch Farbsensibilität und Vorstellung der inneren Farben mit seinen Begriffen von Religiosität (so die Vorstellung der Unendlichkeit und Harmonie mit dem Symbol des Regenbogens): Die Farbe ist etwas ganz besonderes für ihn: "Farbe als Symbol der Gottheit",  sagte er. In der Komposition ist für ihn die Farbe eine objektive Kategorie wie Rhythmus oder Harmonie. Der Musikwissenschaftler S. Keym schreibt:„Hinter diesen subjektiven Zuordnungen steht das Strukturprinzip des Komponierens mit Farben“

2(1): blau
2(1): violett
2(2): gold, braun
2(3): grün
3(1): weiß, milchig, trübe

Und der Zuhörer? An anderer Stelle äußerte Messiaen, dass er glaube, dass jeder, der seine Musik höre, "eine Farbempfindung haben muß." Das Ziel ist also, dass jeder Farben zu seiner Musik sehen sollte, aber möglicherweise andere als er. Es verschmelzen synästhetische und symbolische Vorstellungen.

Diese subjektiv-willkürliche Zuordnung von Farbkonstellation zu Klangkomplex „hat er in die Partitur … die Farben eingetragen …Wohl eher für sich oder auch für die Hörer? Denn synästhetische Erlebnisse sind etwas Individuelles und nicht zu verallgemeinern. Und es dürfte äußerst selten vorkommen, dass ein Hörer die Akkorde in Messiaens Farben erlebt.

Ein sinnlich erfahrbares Universum, zu dem der Hörer keinen Zugang hat? "Dennoch mag es nützlich sein, Messiaens Farbkombinationen … zu zitieren, weil sie in einer verbal nicht zu definierenden Weise in Beziehung zu seiner konzeptionellen Welt stehen“ (Häusler, Josef) Insgesamt handelt es sich aber wohl um ein hermetisch geschlossenes Universum: "... wir finden jedoch keinen Zugang zu seiner persönlichen Welt der Farben“.

 

„ohne dass man diesselben Farben sehen muss wie ich, glaube ich, dass man, wenn man meine Musik hört, eine Farbempfindung haben muss“

Messiaen im Gespräch mit Rößler 1984