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Formen der Synästhesie

Synästhesie hat viele Formen. Zu den Synästhesien im engeren Sinn werden farbige Ziffern und Buchstaben gerechnet, wenn diese regelmäßig erlebt werden. Dagegen werden zu den Synästhesien im weiteren Sinne analoge Zuordnungen (wie helle Farben zu hohen Tönen).

Die Ziffern erscheinen farbig vor einem dunklen Grund. [Opens internal link in current windowmehr]

Die Zuordnung der runden Form zum weichen Klang [Opens internal link in current windowmehr]

Das farbige Zahlenraumbild ist nicht geometrisch [Opens internal link in current windowmehr]

Wortmusterbilder helfen beim Verstehen der Sprache. Opens internal link in current window[mehr]

Die Notationssynästhesie bezieht sich auf die Visualisierung von Musik Opens internal link in current window[mehr]

Zahlenraumbilder und number forms sind grafische Anordnungen im Raum. Opens internal link in current window[mehr]

Synästhesien im engeren Sinn

Synästhesien im engeren Sinn sind sogenannte Wahrnehmungssynästhesien. Es sind qualitativ andersartige Wahrnehmungen mit stabilen individuellen Mustern. Von ihnen wird nur gesprochen, wenn ganz bestimmte Kriterien erfüllt werden. Zu diesen Kriterien gehören: die Unwillkürlichkeit des Erlebens und die Unveränderlichkeit der synästhetischen Eindrücke.

Farbige Ziffern

Die Ziffern erscheinen in der persönlichen Vorstellung farbig vor einem dunklen Grund. Außerdem sind die Ziffern verschieden groß; persönlich bedeutsamere Zahlen erscheinen größer und innerlich näher. Die Ziffern sind ganz individuell angeordnet und werden, wie die Farben, zum Erinnern genutzt. 

Das folgende Zitat soll dies verdeutlichen: »Immer wenn ich einen Trompetenton höre, sehe ich die Farbe Rot.«

»Synästhesien sind additive Wahrnehmungen. Sie kombinieren zwei oder mehrere Sinne zu einer komplexeren Wahrnehmungsform, ohne dass diese ihre eigenen Identitäten verlieren.«

Cytowic, 1995

Weitere Beispiele für Synästhesien im engeren Sinn

Die unten stehende Bildgalerie zeigt weitere Beispiele einer Visualisierung für Synästhesien im engeren Sinn (zum Vergrößern bitte auf die Bilder klicken):

Synästhesien im weiteren Sinn

Synästhesien im weiteren Sinn sind sogenannte Wahrnehmungsanalogien. Es sind quantitativ stärker ausgeprägte Formen normaler Farbe-Ton-Assoziationen. 

Dieser Begriff wird sehr weit und sehr verschieden gebraucht. Es handelt sich um Analogien im weitesten Sinne. Dazu gehören die Kosmologien wie etwa die analoge Zuordnung von Elementen, Farben, Jahreszeiten usw. 

In diese Gruppe gehören auch die metaphorischen Sprachbilder wie lichter, leuchtender Klang oder schreiende Farben. Insbesondere aber gehören die intermodalen Analogien oder transmodalen Qualitäten in diesen Bereich: 

BUBU und KIKI

Diese allgemeinen Qualitäten, welche vielleicht auf dem »Allgemein-Sinn« beruhen, sind z.B. die Zuordnung der runden Form zum weichen Klang und zum runden Buchstabenbild (BUBU) und die Zuordnung der eckigen Form zum „harten“ Klang und zur eckigen Buchstabenform (KIKI). Diese Form der Wahrnehmung spielt in den Künsten eine Rolle, in künstlerischen Gestaltungsprozessen, und insbesondere in der Idee des Gesamtkunstwerks. Das folgende Zitat ist ein Beispiel für Synästhesien im weiteren Sinn: »Ich sehe den Sternenhimmel und glaube, eine Reihe von Orgelarpeggios zu hören.«

»Synästhesie ist die Verbindung, ja Verschmelzung zweier oder mehrerer Sinnessphären (-modi) in einem übergreifenden Akt der Wahrnehmung oder Vorstellung.«

Wellek, 1929

Transmodale Qualitäten

Transmodale Qualitäten begegnen uns im Alltag immer wieder. Auch Studien zeigen ihre Existenz. Fährt ein roter Zug schneller als ein hellblauer? Riecht eine farbige Lösung stärker als farblose? Schmeckt das Bier aus einer grünen Flasche anders als aus einer braunen?

Der Gestaltpsychologe Köhler gab mit seinem "Maluma"- und " Takete"- Experiment ein anschauliches Beispiel für transmodales Wahrnehmen. Kinder kommen bei dieser Übung der transmodalen Ausdrucksqualitäten zu demselben Ergebnis.

Eine Übung, die jeder probieren kann, ist folgende: Setzen Sie den Ausdruck einer Farbe (z.B. Gelb, Rot und Blau) in eine abstrakte Kritzelei um.

Die Übung wurde dem Buch Schönhammer, R: Wahrnehmungspsychologie 2009 entnommen. Eigene Ergebnisse sehen Sie hier.

Diese Kritzel zeigen: wiederkehrende Muster, aber auch sehr viele verschiedene Ergebnisse. Daran zeigt sich, dass es so viele verschiedene Zuordnungsebenen gibt. Einer denkt beim Anblick von Blau an einen Eisberg und wählt eine spitze Form, ein anderer denkt bei Rot an Feuer und wählt hier eine spitze Form; denkt er bei Rot mehr an die Wärme des Feuers und an Behaglichkeit, dann wählt er vielleicht eine runde Form. Vielleicht ordnet man auch einer als intensiv oder angenehm empfundenen Farbe die entsprechende Form zu. Vielleicht empfinden Sie auch eine Farbe als "laut" oder "stark" oder "leuchtend" und lassen sich bei der grafischen Umsetzung von dieser Empfindung leiten.

Im Gegensatz zum neurologischen Phänomen der Synästhesien scheinen sich die Verknüpfungen durch intermodale Analogien auf semantischer Ebene abzuspielen.

Welcher Würfel ist schwerer? Erscheint Ihnen der schwarze oder der weiße Würfel schwerer? Beide haben die gleiche Größe.
Welcher Würfel ist schwerer? Erscheint Ihnen der schwarze oder der weiße Würfel schwerer? Beide haben die gleiche Größe.

Einzelne Synästhesiearten - Zahlenraumbilder

Schon Sir Francis Galton 1883 beschreibt sie und staunt über die vielfältigen grotesken Formen: Zickzack, Kurven, Mäander, Bänder. Er sammelte ebenfalls Zeichnungen dieser Ziffernformen und betont, dass diesen Zeichnungen einiges fehlt: die wirklich empfundene Größe; teilweise größer als "minds eye" und auch die räumliche Dimension dieser Anordnungen, teilweise als Panorama.

Auch heute beschreiben Synästhetiker ihre Eindrücke zu Ziffern häufig nicht nur farbig, sondern auch als bestimmte grafische oder räumliche Anordnung im persönlichen Vorstellungsraum. Einige Beispiele finden Sie hier.

Ob die "Number Forms" auch zu den Synästhesien gehören, wird verschieden diskutiert.

 

Zahlenanordnung
Zahlenanordnung

Dabei fällt auf, dass die Anordnungen sehr verschieden sind und nicht logisch-proportional: persönlich bedeutsame Ziffern sind groß und stehen im Vordergrund, weniger wichtige treten in den Hintergrund. Einige der inneren „Zahlenbilder“ beginnen mit dem eigenen Geburtsjahr (als einem persönlich wichtigen Datum, Beginn der eigenen Zeitrechnung).

grafische Anordnung einer Woche
grafische Anordnung einer Woche

Ähnliche Anordnungen ergeben sich für Zeiträume, für die Anordnung der einzelnen Wochentage zu einer Woche oder der einzelnen Monate zu einem Jahr (siehe Beispiel).

Jahreslauf
Jahreslauf
Kalenderbild Sommer
Kalenderbild Winter
Zahlenzuordnung
Zahlenzuordnung
grafische Anordnung einer Woche
grafische Anordnung einer Woche

Farbiges Zahlenraumbild

Das farbige Zahlenraumbild entspricht teilweise einer synästhetischen Empfindung. Richtig sozusagen ist die Betrachterperspektive: der eigene Standpunkt ist der Beginn der Zahlenreihe und beonders groß bzw. wichtig.

Zumeist sind synästhetische Zahlenraumbilder jedoch nicht so geometrisch orientiert: je nach persönlicher Bedeutsamkeit werden Abschnitte größer oder kleiner, näher oder ferner erlebt. Zu den besonders bedeutsamen Abschnitten zählen oft der eigene Geburtstag oder andere bedeutsame Termine.

Jedoch lassen sich nicht alle synästhetischen Merksysteme derart sinnvoll erklären, oftmals wundern sich die Synästhetiker selbst über die erlebten Muster.

Teilweise wird die Veränderung der eigenen Position im Zahlenraumbild regelrecht körperlich erlebt: als würde man sich umdrehen oder einen weiten Weg zurücklegen.

Vielleicht ist es in diesem Zusammenhang interessant zu wissen, dass einige Kinder dazu neigen, beim Erlernen „abstrakter“ Systeme wie Schrift oder Zahlensystem diese zu verbildlichen, um sie sich vorzustellen und sich darin zu orientieren. Eine Synästhetikerin betonte im Interview, dass sie die Synästesiefarben empfindet für Dinge, „die man nicht anfassen kann“, also für Abstraktes.

Farbiges Zahlenraumbild

Wortmusterbild und farbige Texte

Wortmusterbilder sind für einige Kinder eine Möglichkeit ihre synästhetischen Eindrücke, welche zu den Sprachlauten und Worten vor dem Erlernen der Schriftsprache gehören, festzuhalten. Diese abstrakten farbigen Gebilde beziehen sich auf die klanglichen Qualitäten des gehörten Wortes und seine Gefühlsfärbung, weniger auf seine Bedeutung. In den meisten Fällen dürften diese Wortbilder nur im Kopf existieren. Ist das Kind am Malen und Zeichnen interessiert, dann erfahren vielleicht auch andere von diesen Wahrnehmungformen. Die amerikanische Synästhetikerin und Buchautorin P. Duffy beschreibt ähnliche Erfahrungen aus ihrer Vorschulzeit und nennt ihre Wortbilder "Pattern" (engl. für Muster).

Ist die Schriftsprache erlernt, verändern sich die Wortmusterbilder möglicherweise oder sie werden überlagert durch andere Ebenen synästhetischen Erlebens: es werden z.T. größere Einheiten, Textabschnitte oder Sinneinheiten synästhetisch kodiert. Dabei legt sich die "Farbigkeit" nicht wirklich über den Text, sondern illustriert ein Gedankenbild.

Synästhetisches Wortmusterbild
Farbiger Text
Farbiger Text

Einzelne Synästhesiearten - Notationssynästhesie

Zu den besonderen Synästhesiearten gehört die sog. "Notationssynästhesie". Dabei handelt es sich nicht um eine Notation im engeren, musikalischen Sinne. Wahrscheinlich wurde der Begriff geprägt, da beispielsweise verschiedene Parameter der Musik wie Instrumentation, Klangfarbe, Dynamik, Tonhöhe, Harmonik, Melodie, Tondauer, Rhythmus, Artikulation oder Wirkung synästhetisch abgebildet werden.

Da sich die verschiedenen Parameter z.B. der Musik im visualisierten Synästhesiebild recht genau bestimmen lassen, erinnert diese Synästhesieform an eine Notation.

Hört man sich die Beschreibungen von Notationssynästhetikern an, dann wird die enge Verbundenheit von Synästhesien und intermodalen Analogien deutlich. Der spezifische Klang eines Instruments erscheint häufig in einer ganz bestimmten Farbe; für Lautstärke gilt oft: leise wird klein, laut wird groß erlebt.
Bei der Tonhöhe entsprechen sich: tief-unten-dunkel und hell-oben-klein. Es gibt einen Vordergrund und einen Hintergrund: die Melodiestimme wird weiter vorn erlebt als die Begleitung, z.B. die Bässe.

Das synästhetische Abbild verändert sich im Zeitverlauf wie die Musik; wird häufig von links nach rechts beschrieben wie Schrift und Notenschrift "laufen".