Sie befinden sich hier:  Im Alltag > Sinneswahrnehmung

Wieviele Sinne gibt es?

Wir haben heute die übliche Einteilung in die fünf Sinne des Menschen (Hören, Sehen, Riechen, Schmecken, Tasten). Alles weitere, der sogenannte sechste Sinn, ist etwas Unübliches. Versucht man jedoch die Vielzahl an Erlebnissen und Empfindungen diesen fünf Sinnen zuzuordnen, dann stellt man schnell fest, dass sie als System nicht ausreichen. Gehört das Spüren zum Tasten? Wie ist es mit den Bewegungen? Wohin gehören Temeraturempfindungen?

Das Modell unserer fünf Sinne gibt es seit der Antike. Jedoch gab es immer wieder auch Versuche, andere Modelle zu konstruieren. Wie der niederländische Synästhesieforscher van Campen schreibt, gibt es nicht nur die uns geläufige Einteilung in fünf Sinne. So gibt es nach Rudolf Steiner zwölf Sinne, etwa auch einen Eigenbewegungssinn und einen Wärmesinn.

Entsprechend dieser unterschiedlichen Einteilungen gibt es auch eine andere Sicht auf die Synästhesien. Betrachtet man die menschliche Wahrnehmung als Ganzes, dann ist eine vielsinnliche oder synästhetische Weltsicht plötzlich ganz normal. Geht man primär von getrennten Sinnesbereichen aus, welche in einem späteren Verarbeitungsschritt verbunden werden, dann sind Synästhesien ein seltener Sonderfall.

"Jede Modalität gibt uns nur einen Teilaspekt der Welt. Die sinnlichen Eindrücke können zu einer Einheit zusammengefaßt werden, die mehr ist als ein bloßes Nebeneinander, weil Sinne Kommunikationsweisen sind."

Straus 1960

Die Einheit der Sinne

Das Wort Synästhesie kommt aus dem Altgriechischen und besteht aus "syn" und "aisthesis". Die Vorsilbe "syn" bedeutet soviel wie zusammen, gleichzeitig, gemeinsam; "aisthesis" meint die Sinneswahrnehmung, die Erkenntnis durch die Sinne oder auch ein Sinnesorgan.

Der Begriff Synästhesie wie wir ihn heute kennen und benutzen, ist eine Neuschöpfung aus dem Jahre 1866. Er wurde von dem Physiologen Vulpian gebraucht, um krankhafte Mitempfindungen zu bezeichnen. Lange Zeit hielt sich der Begriff Synästhesie nur im Bereich der Medizin, um etwas Krankhaftes und Unnormales zu bezeichnen, was bis heute zu spüren ist. Erst in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts begann sich diese Sicht zu ändern. Durch psychologische Experimente und künstlerische Arbeiten, aber auch durch die Farbe-Ton-Kongresse wandelte sich die gesellschaftliche Einstellung zur Synästhesie. Jetzt wurde sie als Begabung, als möglicherweise geniale Eigenschaft angesehen.

Synästhesie und Multimedia

Manchmal werden synästhetische und multimediale Wahrnehmungen ganz ähnlich betrachtet. Ob sie jedoch tatsächlich etwas miteinander zu tun haben oder vergleichbar sind, ist fraglich.

Synästhetische Wahrnehmungen beziehen sich im engeren Sinne auf den Alltag: so werden Sprache oder Musik in ganz alltäglichen Situationen ganz selbstverständlich farbig erlebt.

Davon unterscheiden sich ästhetische Erlebnisse, welche wir durch den besonderen Kontext oder eine "Rahmung" anders wahrnehmen als den Alltag.

Auch den Alltag und seine Wahrnehmung erleben wir ganz selbstverständlich multimodal, insofern wir ständig viele verschiedene Eindrücke parallel wahrnehmen und unsere Sinne ganz selbstverständlich zusammenwirken, um uns ein einheitliches Wahrnehmungserlebnis zu ermöglichen.

Für den Bereich von Kunst und Design sind heute multisensuelle Umgebungen wie z.B Installationen üblich: hierbei werden verschiedenste Reize parallel präsentiert, um ein besonderes ästhetisches Erleben zu schaffen. Ob dieses Erleben den Synästhesien vergleichbar ist und ähnlich empfunden wird, ist nicht zu sagen.