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Synästhetiker berichten

Viele Menschen, die Synästhesien erleben, haben nur selten oder nie die Gelegenheit, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Einigen fehlen einfach die Gesprächspartner, mit welchen sie ihre Erlebnisse teilen können (Gleichgesinnte). Oder sie fürchten, als verrückt oder krank zu gelten und möchten nicht augelacht werden.

Dabei wünschen sich insgeheim viele Synästhetiker einen Austausch über ihre Erlebnisse. Dafür wurden in den letzten Jahren sogenannte Synästhesiecafés  eingerichtet, also Orte des geschützten Austauschs unter "Gleichsichtigen". Ein andere Möglichkeit bieten Foren und Mailing-Listen (siehe auch unter Synästhesiecafés).

Auf der folgende Seite finden Sie einige Ausschnitte aus den Erzählungen und Interviews mit Synästhetikern.

"Die Farben gehören einfach zu den Dingen. Als ich klein war, erschien mir das so selbstverständlich, daß ich nicht darüber sprach. 'Das sieht doch jeder, dass die Zwei grün ist', dachte ich. 'Warum sollte ich darüber sprechen?' Irgendwie kam das Gespräch dann doch auf dieses Thema, und ich bemerkte das Unverständnis der anderen."

Farbige Innenwelten einer Musikerin

Eine Musikerin erzählt über ihr persönliches Erleben von Musik und Sprache.

Als Kind erlernte sie wie jeder zunächst die Sprache kennen, aber auch sehr früh die Noten. Beides ist in ihrem Denken synästhetisch eng verbunden geblieben und überlagert sich teilweise.

Die Sprache mit ihren fünf Vokalen erscheint ihr in sehr klaren Farben; die Konsonanten empfindet sie stärker als Geräusche, als Klangbilder wie Scharren, Kratzen oder Pfeiffen in grafischen, schwarz-weißen Strukturen.  Die Farben und Strukturen verändern sich in der Zeit von links nach rechts wie auf einer Kinoleinwand oder wie im Theater; wo immer etwas kommt, bleibt, geht oder etwas anderes kommt usw. Die Eindrücke bewegen sich also in einem Vorstellungsraum, welcher ähnlich dem erlebten Raum gestaltet ist.

In der Musik gibt es nun viele und andere Komponenten als in der Sprache. Für sie haben nicht die einzelnen Töne, sondern die Tonarten ganz bestimmte Farben, da es sich hierbei um einen Gesamteindruck eines komplexeren Klanges handelt. Außerdem setzen sich Gefühle und Strukturen der Musik synästhetisch um. Durch ihre Ausbildung als studierte Musikerin wurde ihre Hörfähigkeit trainiert und sensibilisiert: sie hört viel mehr Details in der Musik als andere Menschen und diese wiederum setzen sich nuancenreich synästhetisch um in Farben und Formen. Dazu hat sie musiktheoretisches Wissen erworben, welches ebenfalls in ihr synästhetisches Erleben von Musik mit einfließt.

In der Musik werden verschiedenste Parameter wie Klangfarbe der Instrumente, Rhythmus, Tonart, aber auch Interpretation und Aufführungssituation synästhetisch umgesetzt. Insgesamt gibt es jedoch einen Gesamteindruck, welcher sich ebenfalls in einem Gesamtbild wie einem Gesamtkunstwerk ausdrückt. Wie bei einer "schlechten" Aufführung der Höreindruck und Hörgenuß leidet, so leidet hier auch das farbige Innenbild bis dahin, dass die Farben fast verloren gehen.

In der Sprache und in der Musik spielen die Erinnerungen über die inneren Farben eine wichtige Rolle. So entwickeln sich mit der Zeit für bekannte Strukturen ganz bestimmte Vorstellungen, welche sich in bestimmten Farbvorstellungen, d.h. bestimmten Farberwartungen äußern. Damit wird auch die Diskrepanz zwischen Erwartung und Eindruck manchmal besonders deutlich erlebt: ein Klang ist zu dick und erscheint falschfarbig. Dabei verhalten sich die Farben wie der Höreindruck: zumeist vermischen sich die Farben nicht, sonden sie stehen nebeneinander oder bauen aufeinander auf.

Der Gedächtniskünstler S. Scherewschenski

Der Gedächntiskünstler und Synästhetiker Solomon Scherewschenski wurde von dem russischen Neurologen Alexander Lurija in seinem Buch "Kleines Portrait eines großen Gedächtnises" ausführlich und eindrücklich beschrieben. Es handelt sich um einen Menschen mit sehr ausgeprägten synästhetischen und eidetischen Eigenschaften. Neben seinen Fähigkeiten als Gedächtniskünstler, als welcher er auch auf der Bühne stand, sind seine Beschreibungen synästhetischer Eindrücke aufschlußreich.

Seine Synästhesien beziehen sich besonders auf Sprache und gewähren einen kleinen Einblick in seine Innenwelt; seine besondere Art der Benutzung von Sprache, des Merkens und Erinnerns, der Verständigung mit anderen Menschen und seiner Orientierung im Alltag.

S. hört langsam und intensiv, er lauscht dem Klang der Worte und sieht dieses auf einer vorgestellten Wand. Durch den Klang, mehr als durch die Bedeutung kommt das synästhetische Bild zustande: entsprechen sich Klang und Bedeutung nicht, dann kommt er durcheinander.

Jeden Sprachlaut setzt er synästhetisch um in Farben, Formen, Linien und erinnert sich dann in dieser Form. Dadurch erhalten die Laute zusätzliche Informationen, sozusagen einen Hintergrund, welcher für das Erinnern wichtig ist. Auch für seine Auftritte als Gedächntiskünstler nutzt er synästhetische und konkrete innere Bilder.

Laute setzt S. synästhetisch um und erinnert sich dann der „Linien, Spritzer, Farben“.

A.Lurija