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Dimensionen der Synästhesie

Hier werden Aspekte oder Komponenten vorgestellt, welche zu den Synästhesien gehören. Die zu den Synästhesien gehörigen Dimensionen sind vielfältig und in ihrem Vorkommen äußerst unterschiedlich: Die häufigste Form ist das farbige Hören. Die Dimension Farbe wird am häufigsten miterlebt: Der Klang der Sprache ist dabei der häufigste Auslöser für Synästhesien.

Besonders häufig wird von Lichtfarben berichtet [Opens internal link in current windowmehr]

Oft sind diese Strukturen und Formen abstrakt [Opens internal link in current windowmehr]

Tasterlebnisse wie rau oder glatt, weich oder hart [Opens internal link in current windowmehr]

Einzelne Komponenten

Es ergeben sich also die Dimensionen der fünf Sinne (Hören, Sehen, Riechen, Schmecken und Tasten) mit allen Unterkategorien (z.B. Sehen als Form, als Farben). Dazu kommen Gefühle und Stimmungen, außerdem Erinnerungen, Kindheitsräume und metaphorische Vergleiche (die Zwei ist ein Mädchen, die Drei ist ein Junge).

Für die Synästhesie im engeren Sinn hat Cytowic erstmals beschrieben, dass es sich nicht um komplexe konkrete Landschaftsbilder handelt (sog. Assoziationen), sondern um abstrakte Gebilde, die aus generischen Grundformen bestehen. Dazu kommen räumliche und graphische Anordnungen, Bewegung als Dimension oder körperhaftes Erleben. Entweder als statische Bilder oder filmisch bewegt. Auch Textur und Oberflächen konkreter Art werden empfunden, also Holz, Aquarell oder Öl. Schwierig ist auch hier, das konkrete Erleben von den Beschreibungen, Umschreibungen dieses Unbeschreiblichen („als ob“) zu trennen.

Da die Synästhesien zumeist nur in einer Richtung funktionieren, wird in einigen Beschreibungen zwischen Synästhesie-Auslösern und synästhetischen Mitempfindungen unterschieden. So wird die Dimension Farbe viel häufiger (z.B. zu Musik oder Sprache) mitempfunden, als dass sie selbst Auslöser ist (d.h. eine Farbe einen inneren Klang, Geschmack oder Geruch auslöst).

In den folgenden Texten werden einzelne Komponenten der Synästhesien als auslösendes Moment oder als mitempfundene Qualität näher vorgestellt.

»Einen Laut hören oder einen Buchstaben lesen, das sind ganz verschiedene Eindrücke. Ein gehörtes O ist sehr dunkelblau und bewegt sich so langsam wie ein Strudel; ein O sehen oder lesen, das ist dann schwarzblau und hat eine feste gläserne Struktur.«

Synästhetiker in einem Interview

Sprache und Musik

Zu den häufigsten Auslösern von Synästhesien gehören wohl Sprache und Musik im weitesten Sinne. Dabei sind es sowohl die gehörten Klänge, Geräusche und Töne als auch die schriftsprachlich fixierten Aufzeichnungen dieser "Systeme".

Zunächst fällt auf, dass schon kleine Kinder die Laute der Sprache, die Töne der Musik, die Geräusche in ihrer Umwelt und die Stimmen ihrer Mitmenschen oft farbig erleben und beschreiben.

Kommt dann das Erlernen der Schriftsprache, die Orientierung im Jahreslauf und z.B. Musiktheorie dazu, so werden häufig auch die Zeichen dieser Systeme mit Farben verbunden erlebt.

Geräusche

Geräusche sind als Auslöser von Synästhesien extra zu nennen, da es sich hierbei um "ungeordnetere" Klänge und Klangfolgen handelt als bei Musik oder Sprache. Interessanterweise werden dabei oft schwarz-weiße "Geräuschbilder" mitempfunden, grafische Strukturen, weniger Farbiges.

Das Brummen einer Fliege oder das Geräusch eines Staubsaugers erscheint uns möglicherweise weniger charakteristisch und geordnet im Klang als ein Sprachlaut oder ein gesungener Ton. Nicht wenige Geräusche erscheinen störend oder unangenehm; vielleicht neutral, seltener als "Bereicherung". Möglicherweise sind die unbunten Geräuschbilder auch deshalb so wenig farbig.

Eine Synästhetikerin beschreibt ihre Eindrücke zu Geräuschen folgendermaßen. Interessant ist die Vermischung von Abneigung, Erlebnis, Erinnerung und Bezeichnung:

"Geräusche sind nicht musikalisch, irgendwie harmonisch und darum auch nicht farbig. Sie sind meist irgendwie trist, alltäglich und ich vermisse ihre Farben. Schon das Wort  - Geräusch - ist dunkel, es zischt unangenehm und  hat eine rauhe Oberfläche."

Farbe

Farbe ist die häufigste Mitempfindungsdimension: Bei den meisten Synästhesien werden zu Sprache, Musik oder anderen Eindrücken innerlich Farben miterlebt. Diese Farbeindrücke sind äußerst präzise, wie schon F. Galton berichtet. Es wird also nicht nur Rot, Gelb oder Blau mitempfunden, sondern ganz bestimmte Farbnuancen wie "ein helles Tomatenrot mit einem kleinen Stich ins Bräunliche".

Manche Synästhetiker berichten, dass sie innerlich viel mehr Farben erleben als in der realen Welt. Für diese Farbeindrücke ist es besonders schwierig, sie zu beschreiben bzw. in Worte zu fassen, da bekannte Vergleichspunkte fehlen.

Häufig handelt es sich auch nicht um Einzelfarben, sondern und Farbklänge, um Farbverläufe, um Farbnebel oder mehrere farbige Schichten.

Die Farbbeschreibungen zeigen außerdem, dass Synästhesiefarben wie die Farben in der realen Welt an Gegenstände, Stofflichkeiten und Materialien gebunden sind. Besonders häufig wird von Lichtfarben berichtet, von transparenten Oberflächen oder von farbig beleuchteten Raumeindrücken.

Form und Struktur

Form ist eine weitere wichtige Dimension der synästhetischen Erlebnisse. Es handelt sich dabei um Linien, Muster oder Flächen, um organische oder geometrische Formen.

Oft sind diese Formen abstrakt, auch wenn Synästhetiker in ihren Beschreibungen nach etwas Ähnlichem, etwas Bekanntem oder etwas Vergleichbarem suchen. Die synästhetischen Formen wurden deshalb mit den sog. generischen Grundformen verglichen. Dazu gehören Strudel, Spiralen, Mäanderbänder.

Muster und Strukturen beziehen sich auf Formen, aber auch auf Materialien. Sie sind meist regelmäßig und einfach wie Parkettstäbe im Verbund oder Straßengitter.

Es können geometrische Formen wie Dreicke, Vierecke oder Kreise sein oder auch nur Punkte, aber auch organische Formen wie in der Magmalampe oder Wolkenformationen, Rauch oder Nebel.

Form kann sich synästhetisch aber auch auf die Anordnung von Elementen beziehen.

Muster

Muster beschreiben in den Synästhesien eine Ordnung bzw. eine Regelmäßigkeit, welche im auslösenden Eindruck (z.B. einem Geräusch) empfunden wird. Demzufolge entstehen hierbei sehr klare geometrische Formen wie Mäanderbänder oder organische weichere, neblige bzw. unregelmäßigere Verbünde.

Muster und Strukturen beziehen sich auf Formen, aber auch auf Materialien. Sie sind meist regelmäßig und einfach wie Parkettstäbe im Verbund oder Straßengitter.

Materialien und Textur

Einige der synästhetischen Mitempfindungen beziehen sich auf konkrete Materialien und Eindrücke von Oberflächen. Neben dem ersten Eindruck von rau oder glatt, weich oder hart, matt oder glänzend werden auch Tasterlebnisse beschrieben wie hölzern, metallisch, gläsern, plüschig.

Oder es werden über die Stofflichkeit Farbeindrücke näher charakterisiert, etwa: transparente Oberflächen oder Farbnebel oder opake Flächenstruktur.

Die Empfindungen sind an Stofflichkeiten gebunden oder es wird versucht, die Empfindungen mit der Berührung von Stofflichkeiten zu beschreiben, damit andere sich etwas davon vorstellen können. So wie die Eindrücke der Farben mit Formen und auch an die Bindung mit Material oder mit Oberflächeneigenschaften verbunden sind.

Eine Synästhetikerin schreibt , dass sie das Gefühl hat, irgend etwas wie einen Igel anzufassen, etwas Stachliges, kalte Nadeln oder Fakirbetten als Umschreibung.

Bewegung

Öfters handelt es sich bei den Synästhesie-"Bildern" nicht um Statisches, sondern um Bewegtes: sie sind dann mit dem Film vergleichbar. Die miterlebten Bilder wechseln etwa im Rhythmus der Musik, im Zeitverlauf des Sprechens oder im Rhythmus des Atems. Die Synästhesien haben damit eine räumliche bzw. zeitliche Komponente, welche die Eindrücke strukturiert. Je nachdem, welcher Eindruck die Synästhesie auslöst, ist die körperliche Bewegung oder die Bewegung im inneren Vorstellungsraum damit gemeint.

Raum und Räumlichkeit

Synästhetische Eindrücke werden nicht nur flächig, sondern auch räumlich-körperhaft erlebt. Treppen, Räume, Fluchten, aber auch körperliche Gebilde aller Art werden erlebt. Dabei gibt es das Erleben der Synästhesien in einem inneren Raum oder als Projektionen in den Aussenraum. Und es gibt räumliche Anordnungen für geordnete Systeme wie z.B. Alphabet, Zahlenraum, Woche, Jahr oder Lebenslauf.

Teilweise befinden sich die Synästhetiker in diesen inneren Räumen, teilweise fühlen sie sich eher als Beobachter ihrer Synästhesien "wie im Kino".

Häufig sind es wieder generische Grundformen, hier körperhaft. Es gibt also Spiralformen, die sich räumlich ausbreiten und vieleckige körperliche Gebilde, welche sich schwerlich mittels euklidischer Geometrie darstellen lassen.

Auch die Frage der eigenen Perspektive, des Betrachterstandpunktes zu den Synästhesien und dem empfundenen Raum wird unterschiedlich beantwortet. Einige berichten, dass sie sich sowohl in ihren Synästhesien als auch in Distanz zu ihnen befinden.

Form kann sich synästhetisch aber auch auf die Anordnung von Elementen beziehen, etwa bei den Zahlenraumbildern oder beim Jahresverlauf im inneren Vorstellungsbild (ob diese Vorstellungsbilder zu den Synästhesien gehören, wird verschieden diskutiert.)

Zwei Beispiele für räumliche Anordnungen.
Zwei Beispiele für räumliche Anordnungen.